die wasserprobe

snow mountain tiger mit narrensteinen

Hintergrund

Die Wasserprobe stellt per se ein altertümliches Element der Rechtsgeschichte dar und gewann in düsteren mittelalterlichen Zeitepochen in Form des sog. Hexenbads traurige Berühmtheit. Das Ziel der Prozedur bestand darin, eine Person der Zauberei zu überführen. Trieb die gefesselte Person an der Wasseroberfläche, bezeugte dies deren hexerische Ambitionen; ging sie unter, deren Unschuld. Ersteres führte auf den Scheiterhaufen, letzteres zum Tod durch Ertrinken.

Doch diese vermeintlich anachronistische Praxis, die in der Regel eine Mischung aus Kopfschütteln, Abscheu und unverständigem Schmunzeln hervor ruft, begegnet uns auch in heutiger Zeit noch; sogar in weitaus globalerem und systematisierterem Ausmaß als je zuvor.

Das im blauen Dunst gehaltene Bild spiegelt das omnipräsente Blendwerk moderner Zauberei wider: Gleich einer propagandistischen Inszenierung in Freakistan formieren sich Prototypen zeitgenössischer Magiesysteme in einer verschneiten Landschaft, quasi im Sinne einer kristallin-erstarrten Wasserprobe.
Zum Kult erhobenen Betriebssystemen, exklusives Seelenheil versprechenden Glaubensgemeinschaften, schrillen Diktatoren im Comic-Gewand und hagiographisch verklärten Pseudoreligionsgründern scheint eins gemein: Die allumfängliche Bewusstseinskontrolle und die Suggestion eines unumstößlichen Glaubens an die Alleingültigkeit. Wer nicht drin ist, ist draußen. Und zwar ganz. Doch wer drin ist, ist ebenso draußen. Aus einem differenzierten, freien und autonom bestimmten Leben zumindest.
Und wer sich hierbei schon in sicherer Dilemmaferne wähnt, weil er zufälligerweise nicht in Nordkorea lebt, keinen Mac benutzt, Verhaltenstherapie der Psychoanalyse vorzieht und fern der Zeugen Jehovas aufgewachsen ist, der stolpert letztlich über den eher unscheinbar wirkenden Astronauten im Hintergrund. Das Introjekt (2012) zeigt uns bereits, wie verinnerlichte Anteile uns prägen. Und diese Meinungserzeuger weisen offenkundig eine ebensolche wenn nicht gar noch potentere Immunität auf als rein äussere Systeme.

Das als »Pareidolie« (oder spezifischer noch als »Apophänie«) bekannte Phänomen (symbolisiert durch die einhornähnliche Wolke), in abstrakten Dingen Vertrautes wieder zu finden, mag zudem (vergleichbar zum Mere-Exposure-Effekt) ein Verharren in und Vertrauen auf selbst abstruseste Zustände begünstigen, und lässt darin gar noch eine tiefe Sinnhaftigkeit (hinein)sehen.

Moderne Zauberei qua dogmatischer Abschirmungsstrategien scheint auf zwei verlässlichen Säulen zu fußen und daher so effizient zu funktionieren:
▫ Wir möchten so gerne an die Illusion glauben, „weil [...] Menschen die falsche Antwort auf die richtige Frage bevorzugen, weil die Lüge eine unangenehme Wahrheit verbirgt, weil die Fiktion tröstlicher ist als beunruhigende Tatsachen und weil dem Ängstlichen alles recht ist, was ihm die Angst nimmt und sei es das Wort eines Zauberers." (Michel Onfray, Anti-Freud, S. 382)
▫ Zum anderen erfolgt eine Selbstimmunisierung durch das Wirksamwerden des Gegenzauberprinzips:
"Die Magie hat eine solche Autorität, daß eine widersprechende Erfahrung den Glauben im Prinzip nicht erschüttern kann. [...] [Die Magie ist...] jeder Kontrolle entzogen. Selbst Tatsachen, die gegen sie sprechen, schlagen zu ihren Gunsten aus, da man sie immer für die Wirkung eines Gegenzaubers hält, auf Fehler bei der Durchführung des Rituals oder allgemein darauf zurückführt, daß die notwendigen Bedingungen der Praktiken nicht realisiert wurden." (Marcel Mauss, Entwurf einer allgemeinen Theorie der Magie, S. 125)

Dass die Präsenz eines dergestalten »bias against disconfirmatory evidence« der Studienlage zufolge als Schizophrenie-nahe Denkverzerrung gesehen werden kann, kann jedoch zum Denken anregen...

  • Künstler Andreas Wacker
  • Jahr 2018
  • Details Oil and Baby Oil on Canvas
  • Maße 200x120cm
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