angstbeisser

Hintergrund

Das Bild vereint verschiedene Elemente, die letztlich nur das eine, zutiefst menschliche, aber dennoch vielen problematischen Verhaltensweisen zugrundeliegende Gefühl zum Ausdruck bringen sollen: Angst.

Im privaten wie im politischen Kontext sorgt dies immer wieder für Leid, das als unnötig empfunden wird: Die angekettete Frau, die im und am eifersüchtigen Schwarz-Weiss-Denken eines anderen gefangen scheint, der demagogische Infantilling resp. kindliche Kaiser, der im Grunde nur vor der Komplexität gesellschaftlicher Strukturen und den unvermeidlichen Unsicherheiten des Lebens die Windeln voll hat, oder der gelähmte Vogel-Strauss-Taktiker, der zwar das Unheil nicht mit ansehen muss, aber zugleich das kindliche Kuckuck-Spiel nicht verstanden zu haben scheint - „Ich sehe etwas nicht, was Du siehst. Also ist es nicht da. Und ich auch nicht“. Alkohol scheint hier beispielhaft ein kurzfristig funktionaler Helfer, der sich wohl nicht ohne Grund großer Beliebtheit erfreut.
Andere jedoch - konstellatorisch in den Mittelpunkt des Bildes gerückt - stellen sich dem Kampf, angedeutet durch die Szene aus einem Konsolen-Zombie-Spiel. Auch hier lauert der Feind hinter nahezu jeder Wand. Furchteinflössend durch das eindrückliche Waffenarsenal, oder schlicht durch den Ekelfaktor.
Eingekreist von Kreisen wird die Szene quasi wie von einem „sekundären Emotionsnetz“ ummantelt: Schuld und Scham als konsekutive soziale Gefühle, die eng verknüpft mit der primären Emotion Angst (resp. deren Handlungsfolgen) gesehen werden müssen. Im weitesten Sinne können sie in Anthropologie und Psychologie auch unter moralischen Gesichtspunkten beleuchtet werden. Geht man von kulturell überformten Gesellschaftshaltungen aus, so lassen sich „Scham-“ von „Schuld-Kulturen“ unterscheiden. Während in „Scham-Kulturen“, wie beispielsweise in Japan, die moralische Instanz im gesellschaftlichen Umfeld verortet ist und man sich vor dem Spott der anderen fürchtet, wurde in „Schuld-Kulturen“, etwa wie in Deutschland, die moralische Instanz verinnerlicht: man wird von „Gewissensbissen“ geplagt. Bei der Scham dreht sich alles vorwiegend um verletzten Narzissmus und ist deshalb unaufhebbar, vielmehr sogar ansteckend, weil sie auf alles übergehen kann, mit dem man sich identifiziert (Familie, Stamm, ethnische Gruppe, Staat, etc.). Bei der Schuld hingegen gibt es immer einen anderen, bei dem man sich buchstäblich entschuldigen kann. Es gibt so etwas wie „Erlösung“, d.h. die Schuld wird vollständig aufgehoben und alle beteiligten können befreit weiterleben, während die eigene Scham nur durch Selbstvernichtung oder die Beschämung des Gegenüber bewältigt werden kann (Modell nach Elsworth F. Baker).
Mit dem Wandel von autoritären in anti-autoritäre Verhältnisse wird auch unsere Gesellschaft immer mehr zu einer Scham-Kultur. Die Rolle der Selbstverantwortung und „Moral“ wird immer kleiner, während die Menschen von Kindheit an immer mehr „beschämenden“ Grenzüberschreitungen und unberechenbarem Verhalten ausgesetzt sind, das sie zunehmend verunsichert. Auch wird die Rolle der Eltern immer kleiner, während die der Peer-Group immer größer wird. Die „moralische Instanz“ sind nicht mehr die verinnerlichten Eltern, sondern der missbilligende Blick der Freunde und Bekannten (im Bild verkörpert durch die Icons des derzeitig größten sozialen Netzwerkes auf den Treppenstufen). Es peinigen nicht mehr „autoritär“ die „Gewissensbisse“, sondern „anti-autoritär“ die Angst vor der sozialen Vernichtung. Inwiefern ein Sinken moralischer Ansprüche und ein gleichzeitiges Wachsen von Uniformität in unserer modernen Mediengesellschaft hieraus resultieren, bleibt anhand des Bildes zu diskutieren.

  • Künstler Andreas Wacker
  • Jahr 2017
  • Details Oil, Lorazepam, Pregabalin and Alcohol on Canvas
  • Maße 200x110cm
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